Die Lust aufs gleiche Geschlecht – auch für „Stinknormale“?

Freitag, 11. September 2009
bisexuell

„Mein Sekretär weiß nicht mehr,
ob er eine sie ist oder ein er
und dass er eine sie ist wird mir immer mehr wahrscheinlich.
Heut' ist er auf die Köchin gut zu sprechen,
morgen liebt er den Chauffeur,
also wie sie sehn, die ganze Sache ist äußerst peinlich“.

(Georg Kreisler)



Der Grund für diesen Artikel ist die Tatsache, dass immer mehr Affären verheirateter Frauen und Männer mit gleichgeschlechtlichen Partnern in deutsche Kriminalfilme eingebaut werden – meist mit tödlichem Ausgang und zerstörten Familienidyllen. Da ergab sich für unsere Redaktion die Frage: „Was bedeutet eigentlich eine „homosexuelle Affäre?“


Erster Teil
(Bitte Anmerkung beachten)

Der erste Sexpartner eines Menschen ist zumeist weder eine fremde Frau noch ein fremder Mann, sondern der junge Mensch selbst, der beginnt, die sexuell stimulierbaren Stellen seines Körpers zu entdecken. Masturbation hat bei Männern, mehr aber noch bei Frauen, unglaubliche Vorzüge, über die freilich nur „unter der Hand“ gesprochen wird. Männer lernen, den Zeitpunkt ihres Orgasmus und damit der Ejakulation zu bestimmen, haben Freude daran, die Luststeigerung selbst zu bestimmen und hernach zu entspannen. Frauen erkennen meist schon früh, dass der Weg zu wirklich genussvollen Orgasmen über die Stimulation der Schamlippen und der Klitoris führt und finden so die besten Wege heraus, wie sie nicht nur den besten Orgasmus, sondern auch gleich deren mehrere haben können.

Rundheraus: Die Orgasmen von eigener Hand gelingen in der Regel, und sie führen mindestens partiell zu einer sexuellen Befriedigung.

Der erste „Geschlechtspartner“ ist also zumeist gleichgeschlechtlich – wer würde dies Angesichts solcher Tatsachen bezweifeln?

Ein berühmter Psychiater hatte übrigens gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Vermutung, dass die männliche Homosexualität vor allem durch die Masturbation ausgelöst wurde – weibliche Homosexualität hatte damals in der Psychiatrie so gut wie keine Bedeutung.

Nun ist ein Problem unseres Sprachgebrauchs, dass wir immer von „einem Homosexuellen“ reden, so, als sei dieses Wort ein Gattungsbegriff. Genau genommen sind „homosexuelle Handlungen“ aber eben „nur“ sexuelle Handlungen mit dem gleichen Geschlecht. Dies bedeutet in keiner Weise, dass der Mensch, der sie vollzieht, auch homophil ist. Vereinfacht: „Sex“ ist „nur Sex“, zur homosexuellen Lebensform oder „Präferenz“, wie man heute sagt, gehört aber viel mehr, nämlich die Liebe, die Lust und der Sex, die ausschließlich auf das eigene Geschlecht hinzielen.

Sex ist nur Sex und sonst gar nichts
Die moderne Zeit hat bewiesen, was früher als undenkbar galt: Man kann Sex von der liebenden Persönlichkeit trennen. Es ist also möglich „nur Sex“ zu haben und die Persönlichkeit dabei nur bedingt wahrzunehmen. Die Bereitschaft, gleich aus welchen Motiven heraus, reicht völlig aus. Es dürfte klar sein, dass diese Haltung nicht alle Menschen unterstützen und dass sie auch bei den Anhängern dieser Praxis nicht immer funktioniert. Wo sie aber praktizier wird, kann der Sexualpartner auch gleichen Geschlechts sein, sofern er entsprechend anregend wirkt und die gewünschten Praktiken perfektioniert hat. Die körperliche Nähe, die Frauen einander ohne Weiteres gewähren, ohne „lesbisch“ zu sein, kann durchaus zu sexuellen Handlungen führen. Andererseits fühlen sich viele Männer insgeheim zu „Ladyboys“ („Shemales“) hingezogen, also Männern, die sich alle Attribute von Frauen verpassen – inklusive künstlicher Brüste.

Warum Menschen mehr wollen als Nur-Sex
Beim Nur-Sex mit Fremden ist neben dem erotischen Genuss, der Illusion, etwas Einzigartiges zu erleben, und der Erregung, nicht zu wissen, was im nächsten Moment geschieht, vor allem der intensiv empfundene Orgasmus zum richtigen Zeitpunkt wichtig. All dies ist nicht an einen Partner des anderen Geschlechts gebunden.
Nun ist es freilich so, dass viele Menschen eben nicht ausschließlich sexuelle Empfindungen wollen, sondern mit allen Facetten ihrer Persönlichkeit und mit einem ganzen Bouquet von Gefühlen– am Geschlechtsakt beteiligt sein wollen – von den visuellen Komponenten einmal ganz abgesehen. Dies geht bei den meisten Menschen in der Tat nur mit dem bevorzugten Geschlecht in ganz besonderen Situationen. Zur innigen, tief empfundenen Liebe zuvor und hernach gehört eben mehr als „nur“ Begierde.

Dies alles beantwortet nicht die Frage: Wie, wann, wo und unter welchen Umständen sind Menschen bereit, sich mit dem gleichen Geschlecht einzulassen, die nicht „stockschwul“ sind? Inwieweit können sich „stinknormale“ Menschen (Heteros) vorstellen, eine Affäre mit dem gleichen Geschlecht zu haben?

bild: © 2009 by Steve Depolo

Anmerkung: Im zweiten Teil wollen wir versuchen, auf diese Fragen einzugehen. Ob es einen zweiten Teil gibt, machen wir davon abhängig, in welchem Maße sich unsere Leserschaft auf das Thema einlässt. Bedingung: mindesten fünf aussagefähige Kommentare zu diesem Beitrag.

Lesbisch – ja, aber erst später

Montag, 26. Januar 2009
frauenlust

Ein oft verschwiegener Grund bei Scheidungen und Trennungen in späteren Jahren wird selten öffentlich genannt: Die späte Erkenntnis, lesbisch zu sein oder jedenfalls stark bisexuelle Züge zu haben.

Ob es sich dabei wirklich um echte lesbische Liebe handelt oder nur um eine emotionale Umorientierung, ist sehr umstritten. Tatsache ist, dass viele Frauen ihre sexuelle Orientierung im Leben mehrfach wechselten – und die Klugen unter ihnen verschwiegen diese Wechsel zumeist und vermieden, sie an die Öffentlichkeit zu bringen.

Wie eine Frau jetzt an die englische Zeitung „The Guardian“ schrieb, stellen „möglicherweise viele Frauen“ erst nach einer Ehe und der Aufzucht von Kindern fest, dass sie einen lesbischen Kern haben – wobei ich aus Lebenserfahrung hinzufügen möchte, dass der Wunsch und die Gelegenheit zusammen kommen müssen, um diesen Weg zu gehen. Interessant fand ich aber diese Bemerkung: „Es ist offenbar leichter für Frauen, sich gegen den eigenen Wunsch als heterosexuell darzustellen, als dies bei Männern der Fall ist“.

Nun – und was meinen Sie?

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