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Schreiben über das erste erste Mal

Einstmals, bestimmte aber noch vor 100 Jahren, war das „erste Mal“ ein einschneidendes, beunruhigendes und vielfach von Brutalität geprägtes Erlebnis, das nicht wenige Frauen über Jahre psychisch belastete.

Scham überschattet das Thema bis heute. Auf die Frage „Wie war dein erstes Mal?“ bekommen Sie kaum eine befriedigende Antwort. Und literarisch gibt ein erstes Mal vor allem dann nichts her, wenn es unter dem grauen oder rosa Schleier verklärter Erinnerungen liegt. Wenn Sie beschreiben wollen, wie es wirklich war, müssen Sie alle Peinlichkeiten, Befürchtungen und Enttäuschungen berücksichtigen. Das hätten Sie nicht gekonnt, als Sie so um die 18 Jahre alt waren und es an sich selber erlebt haben. Aber nun können Sie sich „neben sich selbst stellen“ und das Thema in Varianten herausarbeiten.

Es scheint, als teile sich die Welt der Frauen in drei Gruppen:

1. Die einen wollten unbedingt ihr erstes Mal erleben und „hinter sich bringen“, egal, wie es ausfallen würde.
2. Andere wollten daraus eins schönes, gegebenenfalls sogar sehr romantsches Erlebnis gestalten.
3. Die dritte Gruppe erinnert sich mit Grauen an das, was dabei verlangt wurde oder schämt sich, es auf diese Weise erlebt zu haben.

Allerdings muss die Behauptung, das „erste Mal“ präge das gesamt Leben, inzwischen bezweifelt werden. Es schient, als sie es eine psychologische Überhöhung, die durch nichts bewiesen ist. Gleichwohl ist das „erste Mal“ ein Erlebnis, das zu Vergleichen einlädt: Wie war es tatsächlich für die Autorin? Wie für die Figur im Roman? Und wie empfindet es die Leserin?

Ein Thema, bei dem alle mitreden könnten – aber sie tun es nicht

Wenn Sie über „das erste Mal“ schreiben wollen, denken Sie immer daran: Jede und jeder hat es irgendwie erlebt und erinnert sich mit einiger Wahrscheinlichkeit daran, wenngleich auch oft nur schemenhaft. Die Neugierde zwingt sie oder ihn, Ihre Geschichte zu lesen uns mit seiner eigenen zu vergleichen.

Die Schwierigkeit folgt auf dem Fuße: Ihre Aufgabe besteht darin, die rosa Tücher und die Grauschleier zu entfernen und ihren Heldinnen und Helden möglichst plastische Erlebnisse zu gönnen, denn nur so können sie Ihre Leserinnen und Leser „mitnehmen“.

Nicht verklären und nicht verdinglichen

In erotischen Romanen (und erst recht im Internet) kursieren inzwischen nach Tausenden zählende erotische Geschichten über das „erste Mal“. Die meisten leiden darunter, dass sie die Schilderung entweder verklären, verdrängen oder aber verdinglichen. „Verklären“ bedeutet, die ursprünglichen Empfindungen zu „schönen“, also mit Zuckerguss zu übergießen, was eigentlich schrecklich oder nichtssagend war. Verdrängen heißt, die eigentlichen Vorgänge zu verschweigen und andere (meist positivere oder neutralere) an ihre Stelle zu setzen. Verdinglichen ist ein Weg, nur zu beschreiben, wie „das Ding in das Ding“ kommt. Dieses „Verdinglichen“ wird sehr häufig benutzt, um die Schilderung von Gefühlen aller Art frei zu halten.

Hier zeigt sich die große Schwierigkeit, der wir beim erotischen Schreiben immer wieder begegnen: Es ist relativ einfach, Abläufe zu schildern, aber sehr schwer, die Gefühle zu beschreiben, die dabei freigelegt werden. Immerhin fanden wir inzwischen mehr und mehr Geschichten vor, in denen die Handlungen etwas ausführlicher beschrieben wurden. Es heißt nicht mehr simpel und wirklichkeitsfremd „mit einem Ruck drang er in mich ein“ oder „ich fühlte, wie sich sein Ding hin mich hineinbohrte“. Inzwischen scheint sich auch etwas Emanzipation breitzumachen: Die Frau bestimmt das Geschehen und versenkt den Penis selbst zwischen den Schamlippen. Beispiel:

Ich senkte mein Becken langsam herab und fühlte seine Eichel, die ich langsam zwischen meinen Schamlippen verschwinde, ließ. Dann glitt ich weiter hinunter und nahm ihn ganz in mich auf.


Die ausführliche Schilderung des Geschehens ist ein kleiner Trick, um Gefühle zu verdrängen, die Autorinnen wie Leserinnen unangenehm sein könnten, und dennoch wird mit ihnen ein gewisser Unterhaltungswert erzielt – vom Anstieg der Geilheit beim Lesen einmal ganz abgesehen.

Wir wissen aus vielen Beispielen, wie sich Autorinnen scheuen, ihre Gefühle zu offenbaren, wenn es um ihr (oder sein) erstes Mal geht. Und wir wollen Ihnen helfen, falls Sie (noch) nicht in der Lage sind, Ihrer Heldin Gefühle mit auf den Weg zu geben.

Vorschlag, falls Sie sich nicht an Gefühle herantrauen:

Vermutlich erinnern Sie sich, dass Ihr „erstes Mal“ in eine Abfolge von Ereignissen eingebettet war, in die sie entweder hineingeschlittert sind oder die Sie willentlich vorbereitet haben. Günstig ist immer, die Befürchtungen und Erwartungen an das erste Mal in die Schilderungen mit einzubinden. Sie können dabei die Wunschvorstellung der Heldin als gedankliche „Parallelhandlung“ zum wahren Geschehen entwerfen.

Varianten: Spielte „Nachdruck“ oder Gruppenzwang eine Rolle? Wie waren die äußeren Umstände? Fand alles „clean“ oder unter Drogen (vor allem unter Alkoholeinfluss) statt? Wann und wie fasste ihre Heldin den Entschluss? Hatte sie vorher schon masturbiert? Wie wurde verhütet? Was tat sie unmittelbar danach? Als weitere Varianten kommen übrigens „andere erste Male“ in Betracht (wir werden später Ideen dazu veröffentlichen).

Und wenn Sie wirklich an die Gefühle heranwollen?

Das Geheimnis besteht darin, ist, die eigenen Gedanken mitspielen zu lassen, also die Lüste und Hoffnungen, Ängste und Befürchtungen.

Hier ein Gedankengang, den wir uns für diesen Artikel schreiben ließen. Er mag ein dürftiges Beispiel sein, aber er zeigt die Richtung, in die Sie gehen können.

Zu was brauchte ich eigentlich Michael, und warum will ich, dass sein Penis in meine Muschi rein flutschte, Würde es wirklich so anders sein wie der Dildo? Und wie konnte es sein, dass er mich überhaupt damit befriedigte? Nur, weil sein Ding fleischlich war? Ich wusste es wirklich nicht. Und ich dachte mir: „Hatte dieser Mann überhaupt so viel Erfahrung, dass er mich wenigstens so weit bringen konnte, wie ich ohne Mann kam?“ Ich hatte Schlimmes von Freundinnen gehört. „wenn sie drin sind, stoßen sie drei oder vier Mal, dann spritzen sie dich voll – es ist schrecklich.“ Na ja, und dann immer: „Du kannst ihn natürlich …“ und dann kam irgendetwas, was ich nun wirklich nicht wollte. Und ich hoffte, dass sein Penis wenigstens gleich steif sein würde. Nachhelfen? Niemals … das war für mich purer Ekel. Ich beschloss, mich erst mal zu entspannen Tief durchatmen, die Hüfte locker lassen … und wenn er sich zu mir legt, gleich mal die Initiative ergreifen. Er hat keine Ahnung, dass es mein erstes Mal ist. Ich werde …»

Wird die Geschichte so aufgebaut, können die wirklichen Gefühle glaubwürdig geschildert und mit den Erwartungen und Befürchtungen verglichen werden. Wir sollten hier nicht zu explizit werden, aber Sie, liebe Autorin, wissen wahrscheinlich, wie sich das „Feeling“ bei der Führung eines Dildos von den Bewegungen eines Penis unterscheidet.

Aber klar … das ist erst der Anfang. Und nur ein erstes Mal von vielen, vielen „ersten Malen“. Denn die Furcht, etwas zu erleiden und die Neugierde drauf, etwas zu erleben, ebbt nicht ab, nur weil Sie ein einziges Mal einem Penis den Zugang ermöglicht haben. Und Ihre Heldin? Sie darf nun alles erleben, was Sie sich versagt haben … wirklich.

Relevanz: Je einfühlsamer die Schilderung, umso interessierter ist sie für die Leserschaft. Das Thema an sich spricht vor allem junge Leserinnen an.


Schreib-Erfahrung: Das Thema ist für Anfängerinnen geeignet.
Form: Überwiegend als Kurzgeschichte oder Episode.
Recherche, Kenntnisse: Erfahrungen, Einfühlungsvermögen, Fantasie.
Erotische Wahrnehmung: In der Regel äußerst mild, doch die emotionale Wahrnehmung kann Wellen schlagen.
Leser(innen)kreis: Junge Frauen.

In einer Rohversion veröffentlicht in "Sinnlich Schreiben" im Februar 2015 als Themenbeitrag 26; das erste Mal Sex.

Der erotische Roman – Lebensabschnitte in Lust und Leidenschaft

Erotisches Potenzial - wie hat sie es entdeckt? Und wie nutzt sie es?
Wenn Sie zu den braven, unreflektierten Menschen gehören, die Lexika trauen, dann können Sie alles nachlesen – und glauben. Sie werden erfahren, dass ein „Entwicklungsroman“ sich dadurch auszeichnet, die „geistig-seelische Entwicklung“ Ihrer Heldin und die „Auseinandersetzung mit sich selbst“ beinhaltet. Das sind dann die inneren Konflikte wie auch die Stellung inmitten des sozialen Gefüges und die Schwierigkeiten, die daraus entstehen. Den braven Autoren wird sofort klar: „Da muss ich schreiben, wie Julchen trotz mancher Verwerfungen zu einem wertvollen Mitglied der menschlichen Gesellschaft wurde.“ Der eher differenzierenden Autorin wird eher nahegelegt, die Anfeindungen und Freundschaften, die Zweifel und Stärken darzulegen und die Reife auf diese Weise zu schildern.

Gut, das können Sie auch in einem Satz sagen:

Wie wurde Ihre Heldin trotz oder wegen der Verhältnisse zu dem, was sie heute ist.


Die Persönlichkeit ist mehr als „Seele und Geist“

Merkwürdigerweise fragt kaum jemand: „Wann, wie und wo erlernte sie ihre sinnlichen Neigungen?“ Warum entwickelte sie sich zur „Schlampe“ oder zum „Mauerblümchen“? Oder auch: Warum prostituiert sich eine Frau im wörtlichen oder übertragenen Sinn? Und schließlich: Wie nutzt, ignoriert oder verschwendet Ihre Heldin das erotische Potenzial, das sie sich erworben hat?

Der Nutzen erotischen Potenzials

Sie werden nun sicherlich ein wenig stutzen. Erotische, sinnliche und sexuelle Fähigkeiten sind völlig zu Unrecht verpönt. Ihre gezielte, zufällige oder verschwenderische Verwendung hat etwas „Degoutantes“, und zumeist verzichten gerade weibliche Autoren darauf, den „Wechselkurs“ dieser erotischen Künste zu würdigen. Und doch zählt das „erotische Kapital“ neben dem geistigen, emotionalen dun sozialen Kapital zu den wichtigsten Fähigkeiten, um das eigene Leben zu gestalten und die Persönlichkeit zu entwickeln.

Gute Literatur – auch mit ekstatischem Sex

Wenn Sie anstreben, wirklich gute Literatur zu schreiben, dann versuchen Sie bitte, die Entwicklung sozialer, emotionaler und erotischer Fähigkeiten als „Gesamtkunstwerk“ zu betrachten. Soziale Kontakte sind die Voraussetzung, um Emotionen gegenüber anderen auszudrücken, und Emotionen gegenüber anderen sind die Voraussetzung, sich erotische Fähigkeiten anzueignen oder sie wiederzuverwenden. Das ist eigentlich normal, wird aber selten so gesehen. Und Sie werden schnell zu der Überzeugung kommen: Eine „geistig-seelische Entwicklung“ ist eine Floskel aus dem Wissenschaftsbetrieb, die für Sie überhaupt keine Bedeutung hat.

Sozial, emotional, erotisch – drei Wege zur Entwicklung der Story

Gehen Sie lieber so vor:

Entweder sie stellen die sexuellen Lüste in den Vordergrund und schreiben, wie sie sich auf die Emotionen und sozialen Kontakte auswirken.

Oder

Sie stellen die Emotionen in den Vordergrund und schreiben, wie sich auf die sozialen Kontakte und die sexuellen Lüste auswirken.

Oder

Sie stellen die sozialen Kontakte in den Vordergrund und schreiben, wie sich diese auf die Emotion und die sexuellen Lüste auswirken.

Alle drei Methoden erzeugen unterschiedliche Empfindungen. Verwenden Sie Methode eins, so kann die Betonung der Lüste zu einem sinnlichen Leben oder zu einer emotionalen Katastrophe führen. In jedem Fall hat ein lustbetontes Leben erhebliche Auswirkungen auf die sozialen Kontakte. Beide Vorstellungen sind realistisch und „im richtigen Leben“ vielfach erprobt.

Wenn Sie nach dem Beispiel zwei die Emotionen in den Vordergrund stellen, sollten Sie in der Lage sein, Gefühle detailliert beschreiben zu können. Denken Sie daran: Die sozialen Kontakte ergeben sich dann nicht aus dem bekannten Umfeld, sondern entstehen meist aus dem Wunsch, die Emotionen umzusetzen.

Die dritte Methode wird häufig angewendet. Zumeist sind die sozialen Kontakte in der Ausgangssituation nicht optimal (Cinderella-Ansatz) und Ihre Heldin versucht, über neue soziale Kontakte ein aufregendes Leben zu gewinnen, das dann wieder die Emotionen anheizt und die Lust fördert.

Plots zur Entwicklung eines Lebens mit Lust und Sex

Die Plots sind im Grunde genommen ähnlich. Ihre Figur hatte bisher gar keinen Geschlechtsverkehr oder war damit höchst unglücklich. Durch einen Umstand, den sie frei erfinden können, wird sie in die Lage versetzt, aufregende soziale oder emotionale Erlebnisse zu haben, die ihr Sexualleben komplett verändern. Ihre Heldin muss dabei keinesfalls eindeutige Gefühle entwickeln. Sie kann beispielsweise zugleich fasziniert und abgestoßen sein von jenen, denen sie begegnet oder von den Gefühlen, die plötzlich auf sie einströmen. Eine Methode, die recht häufig verwendet wird, ist die sexuelle Entfesselung einer an sich braven und unerfahrenen Person. Dabei ist noch völlig unklar, und es ist absolut unsicher, wie sich ihre Sexualität entwickeln wird. Wie auf dem Jahrmarkt bekommt sie schreierische Angebote von Frauen und Männern, Paaren und Gruppen, die alle sagen, sie möge ihnen doch folgen. Wohin sich Ihre Heldin schließlich entwickelt, weiß sie selbst noch nicht – und Sie, die Autorin, wissen es jetzt möglicherweise auch noch nicht. Hören Sie in Ihre Figuren hinein und folgen sie deren Faszination. Sie werden ihnen die Stichworte liefern, wie Ihre Geschichte ausgehen wird.

Ihre Heldin geht ihren Weg fast von selbst

Die Dynamik eines erotischen Entwicklungsromans entsteht daraus, dass Sie Ihrer Heldin Wahlmöglichkeiten einräumen. Sie kann Verführen oder verführt werden, herrschen oder dienen, sich mit einem Einzelmenschen oder mit einer Gruppe vergnügen, mit der reinen Kraft der Emotionen Macht gewinnen oder sich körperlich hinzugeben, um Einfluss zu erwerben. Und jedes Mal hat sie erneut die Wahl … bis sie schließlich in vollem Bewusstsein ihrer Möglichkeiten den Weg wählt, den sie im Laufe der Erzählung als „ihren Weg“ gefunden hat. Und all dies kann in wenigen Monaten stattfinden oder in vielen Jahren. In jedem Fall reicht der Stoff für einen schmalen Band oder für einen dicken Wälzer, denn Ihre Heldin wird neben der Erotik auch noch andere Fähigkeiten erproben und sicherlich nicht immer damit brillieren. Lassen Sie Rückschläge und Zweifel zu – ihre Figuren werden sie wahrscheinlich ohnehin fast „wie von selbst“ entwickeln.

Das sollten Sie mitbringen:

Schreib-Erfahrung: Möglichst viel - rechnen Sie mit mehreren Monaten Schreibarbeit.
Form: Überwiegend als Novelle oder Roman, teils gar mit mehreren Bänden.
Recherche, Kenntnisse: Einfühlungsvermögen, Fantasie, ein Gefühl für mögliche Wandlungen durch äußere Einflüsse.
Mentale Einstellung: Sorgfalt, Geduld.
Erotischer Lustfaktor: Moderat, Schwergewicht liegt auf den Gefühlen und ihrer Verbreitung.
Leser(innen)kreis: Frauen in mittleren Jahren.


Dieser Artikel wurde stark überarbeitet, bevor er in "Sinn und Sinnlichkeit" wanderte. Ursprünglich erschien er in einer Serie für erotische Autorinnen als "Nummer 48".

Die Theorie - wie entwickelt ein Autor die Gefühle seiner Figuren?

Wahrscheinlich haben Sie noch nie etwas von Kybernetik gehört. Sehen Sie, und da sind sie in bester Gesellschaft mit den meisten Menschen, die über Literatur schreiben. Ohnehin verachten Geisteswissenschaftler aller Couleur diese Wissenschaft. Aber sie kann Ihnen völlig neue Wege zeigen, und etwas, was Sie daraus vielleicht kennen, ist die Rückkoppelung, das „Feedback“.Das hat nun nichts mit quietschenden Lausprechern zu tun sonder mit einem Effekt, den ich kurz und einfach beschreiben will:

Wenn ein Mensch etwas zu bewegen versucht, dann bewirkt er möglicherweise wirklich etwas. Das, was er da tut, hat aber auch eine Rückwirkung auf ihn selbst. Manchmal weiß er davon, oftmals aber auch nicht.

Der Autor entwickelt die Figur und ihre Gefühle

Das klingt sehr theoretisch. Nehmen wir also den Schriftsteller, um den es ja hier geht. Er erfindet also seine Figur und stattet sie grob mit Eigenschaften aus, dann schreibt er und lässt sie damit in die Welt hinaus. Doch die Figur kann nicht denken, fühlen und handeln, wie er es selbst tun würde. Erst, wenn sie eigenständige Wege geht, wird sie zur Romanfigur. Sie denkt weiter, handelt differenzierter und entwickelt viel intensivere Empfindungen, als sie der Autor in seinem Alltag vorfindet. Nun muss der Autor aber mit dieser Figur weiterarbeiten und deshalb die Rückkoppelung aufnehmen, die ihm seine Figur vorgibt. Das heißt, die Figur geht über das hinaus, was der Autor zu Anfang mit ihr plante. Dieser Prozess kann sich lange hinziehen. Am Ende kann die Figur wesentlich intensivere Gefühle durchleben, als der Autor, der sie geschaffen hat.

Gedanken in Sprache verwandeln und zurück

Das ist im Grunde alles. Es passiert stündlich, täglich und überall. Ich gebe zu, in diesem Artikel alles extrem vereinfacht zu haben. In Wahrheit bedeutet „Schreiben“ immer, Gedanken in Sprache zu verwandeln und sich von den geschriebenen Texten erneut inspirieren zu lassen. Man nannte diesen Wandel früher einmal Analog-digital-Umsetzung. Obwohl der Begriff heute nicht mehr verwendet wird, bleibt die Tatsache bestehen. Wer schreibt, muss „unfrisierte“ Gedanken in ordentliche Sprache überführen. Doch das Geschriebene hat für den Autor eine unmittelbare Rückwirkung auf die Gedanken, die noch „unordentlich“ in seinem Gehirn herumwandern.

Wenn ich schon soweit gekommen bin: Das funktioniert auch umgekehrt. Der Leser kennt trotz aller Bemühungen nur die Worte, aber er setzt sie in Gedanken um, mit denen er spielen kann. Zwar hat er keinen Einfluss auf den Fortgang der Geschichte, aber er kann sehr unterschiedliche Vorstellungen, Erwartungen und Hoffnungen an das nächst Kapitel oder das Ende der Gesichte haben. Er kommuniziert also mit sich selbst über die Figuren und die Handlung.

Waren Sie zufrieden? Dann sagen Sie weiter, wo sie es gelesen haben. Oder Sind Sie unzufrieden? Dann sagen Sie es der Redaktion.

Gefühle beschreiben – Praxis, Beispiele und am Ende auch Theorie

Haben Sie sich je gefragt, wie Sie Gefühle an Ihre Leserinnen oder Ihre Leser heranbringen wollen?

Ja, das haben Sie. Wer jemals Gefühle vermitteln wollte, hat es schon getan.

Nun weiß ich nicht, ob Sie dabei jemals an die Theorie gedacht haben, wie Sie solche Gefühle „rüberbringen“, also in die Hirne Ihrer Leser(innen) transportieren können.

Eigentlich ist alles sehr einfach - Gefühle bildhaft darstellen

An Vorschlägen mangelt es nicht, doch ist es für angehende Autoren schwierig, halbwegs vernünftige Verfahren zu finden – und noch schwerer ist es zweifellos, sie auch umzusetzen. Dabei ist die Grundlage einfach:

Verwenden Sie eine bildhafte Sprache.

Im theoretischen Teil dieses Artikels sage ich Ihnen, warum. Aber auch ohne Theorie lässt sich klar erkennen, warum eine „bildhafte“ Sprache sich erfolgreicher verwenden lässt, um Gefühle zu transportieren. Im Englischen gibt es den Begriff „Show, don’t tell“, der etwa das Gleiche ausdrückt. Wörtlich: „Zeigen Sie Gefühle auf, erzählen Sie nicht davon“.

1. Wir wollen, dass unsere Leserschaft die Gefühle „nachvollziehen“ kann, soweit dies in unserer Macht liegt.
2. Wenn wir mit Worten ein Bild unserer Gefühle malen, haben wird die Chance, dass sich der Leser an eigene, ähnliche Bilder erinnert und weiß, was wir sagen wollten.
3. Tun wir es nicht, hängt unser Leser an den Worten und muss sie interpretieren – das ist sehr mühsam und fühlt oft zu Missverständnissen.

Die Entwicklung von Figuren - emotional

Deshalb ist immer eine gute Idee, sich in die eigenen Figuren hineinzuversetzen und zu schauen, welch eigenen Gefühle sich mit der Handlung verbinden lassen. Dann erweitern und verändern wir die Gefühlswelt unserer Figuren. Sie werden später noch erfahren, warum Sie als Autorin nicht nur die Figuren gefühlsmäßig prägen, sondern warum die Figuren die Kraft haben, sich selbst emotional zu entwickeln.

Nicht bildhaft zu schreiben behindert die Gefühlswelt

Wenn Sie nicht bildhaft schreiben, dann unterstellen Sie, dass die Begriffe, die Sie verwenden, von Ihnen und Ihrem Leser absolut gleich verstanden werden. Ich kann Ihnen aus der Sicht der Informationstheorie sagen: Das ist sehr selten der Fall. Der sogenannte „absolut identische Zeichenvorrat“ ist äußerst begrenzt. Er bezieht sich auf Grundlagen wie beispielsweise Farben (Rot, Grün) oder einfache Naturphänomene (Regen, Schnee) sowie lebenswichtige Gegenstände und Handlungen.

Ein kleines Beispiel, warum Gefühle in der Sprache versanden

Schon, wenn wir die Sprache ein paar Jahre zurückdrehen, finden Sie Sätze, deren Inhalt sich aus den Worten nicht völlig erschließt:

Sie war im hold und schenkte ihm ihre Gunst.


Übersetzen wir mal: Hold heißt zugeneigt sein, und die Gunst schenken heißt etwas Gutes für jemanden tun. Beide Wörter beinhalten intensive Gefühle - mehr als „hold sein“ kann eine Frau einem Mann kaum. Und wenn sie ihm dann noch ihre „Gunst schenkt“, dann dürfte eigentlich klar sein, dass sie sich im sexuell „hingibt“, wie man früher sagte.

Für den Menschen der Gegenwart enthält der Satz hingegen gar keine Gefühle - es sei denn, er würde sich intensiv mit der deutschen Sprache beschäftigen.

Häufig: Verwechseln von Gefühlen und Eigenschaften

Ein weiteres Problem bei „Klartexten“ besteht darin, „Gefühle“ und „Eigenschaften“ zu verwechseln. Ich habe ganze Listen im Internet gefunden, mit denen Sie „Gefühle beschreiben“ können, und musste feststellen: Es handelt sich überwiegend um Eigenschaften.

Doch wie geht es nun wirklich mit den Gefühlen?

Sie können:

1. Die Situation bildlich beschreiben, also beispielsweise mit den Augen ihrer Figur sehen, was sie sieht und dabei fühlt.
2. Bildhafte Vergleiche verwenden, etwa: „Die sinnlichen Gedanken durchzuckten sein Hirn wie wilde Hummeln.“
3. Eine Körperreaktion zum Aufhänger machen: „Das Blut schoss ihm in die Wangen, als er sah …“.
4. Die Gefühle aus unterschiedlichen Wahrnehmungen heraus zu beschreiben.
5. Den Zwiespalt der Gefühle zum Thema machen.
6. Gefühle in Dialoge (innere wie tatsächliche) zu verpacken.
7. Gefühle abstrahieren, also etwas vergleichsweise beschreiben, was in dieser Art gar nicht stattfindet, etwa wenn ein wilder Eber die verschlossenen Türen des Körpers (auch des Gehirns) durchbricht.

Es gibt also Möglichkeiten in Hülle und Fülle.

Bespiele einfacher Art

Da ich auf die Theorie erst im zweiten Teil eingehen will - und Theorien ohnehin ungern gelesen werden – lassen Sie mich drei Sätze vorgeben, in denen Gefühle angedeutet werden. Um Gefühle ausführlich darzustellen, würden wir mehr Raum und Zeit benötigen - das gibt ein Blog nicht her.

Das Beispiel mit einem Pseudo-Gefühl („sehr erregt“):

Die Schilderung beginnt mit „Die Tür wurde geöffnet“

Ich sah eine Frau in Slip und BH, die einen vorne offenen Morgenmantel trug. Ich fühlte mich sehr erregt von ihrem Anblick.


Nach (1)

Die Frau, die mir öffnete, verwirrte mich durch ihre sinnliche Kleidung: ein schwarzer BH, ein schmales Tangahöschen, dazu ein weit offener roter Morgenmantel. Mein Blick begann sofort zu wandern: von den lustvollen Rundungen ihrer Brüste über den Bauchnabel in den Schritt, der mir kaum verborgen bleiben konnte. Mir schien, als stünde mein Mund weit
offen vor Staunen, aber in Wahrheit waren meine Lippen verschlossene, und ich brachte kein einziges Wort heraus.

Nach (3)

Das Blut schoss mir bereits in die Wangen, als ich sie nur sah: Der halb offene Morgenmantel, unter dem sie einen aufreizend BH und ein sehr knappes Höschen trug, raubten mir die Sprache. Ich musste auf diese Frau wirken wie einen Schüler, der zum ersten Mal eine halb entkleidete Mitschülerin im Umkleideraum der Turnhalle sieht. Derselbe trockene Hals wie damals, die gleiche Hilflosigkeit.


Nach (5)

Ich war zuerst verblüfft, dann schamvoll berührt und schließlich sinnlich erregt, als ich sie in der Türfüllung stehen sah. Der offene Morgenrock und der aufreizende BH, den sie darunter trug, erinnerten mich unangenehm an die ersten Huren, die ich traf: optisch verlockend und doch nur darauf aus, dass alles schnell vorbei war. Und doch kroch die Lust durch meinen Leib, während mein Hirn für einige Sekunden die Sprache raubte.


Diese Schilderung könnte enden mit:

Ich musste nichts sprechen. Die Dame, die geöffnet hatte, erlöste mich von meiner Starre, indem sie lächeln sagte: „Ich denke, wir unterhalten uns besser drinnen, nicht wahr?“


Selbstverständlich lässt sich alles noch wesentlich eleganter ausdrücken – hier wird ja nur das erste, spontane Gefühl wiedergegeben.

Ich hoffe, Sie konnten die Beispiele für Ihre Arbeit verwenden.

Eine Mini-Fazit vor der Theorie

Verwenden Sie stets eine bildhafte Sprache, wenn Sie Gefühle schildern. Sie haben dann mehr Chancen, dass sich irgendein Leser (oder meist wohl eine Leserin) sich ein Bild von dem Bild machen kann, dass sie erdacht haben.

Demnächst: Die Theorie über "Gefühle und (erotisch) Schreiben".

Weibliche Dominanz und männliche Unterwerfung im Wandel der Zeiten

Weibliche Dominanz ist ein durchgehendes Thema des 19. und 20. Jahrhundert
Seit wann Männer sich gerne und willig der Dominanz einer Frau unterwürfen würden, ist nicht eindeutig belegt. Tatsache ist aber, dass die wissenschaftliche wie auch die populäre Literatur im 19. Jahrhundert die erotisch motivierte weibliche Dominanz entdeckte. In der „Wissenschaft“ (falls man diese als solche bezeichnen kann) stand der Nervenarzt Krafft-Ebing an der Spitze einer Bewegung, die männliche Unterwerfung und weibliche Dominanz als krankhaft brandmarkte. Aus einer Böswilligkeit von Krafft-Ebing wurde die männliche Unterwerfung (später auch das gesamte Spektrum der erotischen Unterwerfung) als „Masochismus“ bezeichnet. Nicht, weil dies ein wissenschaftlich glaubwürdiger Begriff war, sondern weil Krafft-Ebing damit Sacher-Masoch diffamieren wollte. Immerhin kam Sacher-Masoch damit zu ungewohnten Ehren, die zuvor nur dem Marquis de Sade zuteilwurden (Sadismus).

Angesehene Frauen quälten die Herren in der Vergangenheit- meist in der Fantasie

Die Heldinnen jener Zeit waren überwiegend Damen, die eine gewisse Reputation hatten. Wanda, die adlige „Venus im Pelz“ wurde am deutlichsten einer realen Person nachempfunden, doch tauchten auch Gouvernanten, Leiterinnen von Erziehungsanstalten und Lehrerinnen als erotisch dominante Frauen auf, die ausschließlich der Fantasie entsprangen.

In den Zeiten, als noch alle Welt von der unerklärlichen Erotik der englischen Flagellations-Bordelle fasziniert war, kamen dann in Frankreich und Deutschland Anzeigen auf, in denen Dominanz geboten oder (seltener) gesucht wurde. Typisch dafür war eine Anzeige dieser Art (1):

Dame, alleinstehend, wünscht sich einen sehr unterwürfigen Schüler, um ihm Englischlektionen zu geben. Zuschriften unter …


Damals verstand jeder Mann, was gemeint war: Die Englischlektionen hatten nicht mit Sprache zu tun, und die Lehrerin verstand sich nicht auf Shakespeare, sondern auf verbläute Männerhintern.

Wir lesen dann (2):

«Unter der Flagge des „englischen Sprachunterrichts“ bieten sich sehr häufig Damen an, die entweder sadistisch empfinden oder aus masochistischen Passionen Gewinn schlagen wollen.»


Wir dürfen gerne annehmen, dass die zweite Möglichkeit die Regel war – denn Anzeigen dieser Art wurden selten aus Neigung aufgegeben. In der damaligen Zeit kam es sehr, sehr selten vor, dass sich ein Herr aus seiner Bedürftigkeit herauswagte und selbst eine Such-Annonce für eine „Englischlehrerin“ aufgab. Dr. Leo Perry hat es zu Testzwecken gewagt und tatsächlich antwortete ihm eine der Damen. Sie verwies zunächst darauf, wirklich Sprachkenntnisse zu haben, ging aber dann bald ins Detail. (2)

Mit ausgezeichneten Sprachkenntnissen verbinde ich Energie, ja Strenge und Unerbittlichkeit bei gewissen Fehlern in der Aussprache – bei mir muss man parieren – da gibt es nichts.


Gouvernanten, Gutsbesitzerinnen und Sportlehrerinnen als Dominas

Die strenge Erzieherin, die rohrstockbewehrte Lehrerin, die unerbittliche Gouvernante oder die strenge Gutsbesitzerin mit der Reitpeitsche waren die weiblichen Personen, die Dominanz anboten. In zahlreichen Schriften und Illustrationen finden wir nicht etwa die Englischlehrerin im Schulzimmer, sonder die Sportlehrerin, die ihre willfährigen Opfer über Sportgeräte legt, um sie auf manche Art zu verbläuen.

Neue Rollenbilder und der Siegeszug der bezahlten Domitarix

Im Lauf der Jahre hat sich das Interesse der Männer an Unterwerfung sowohl qualitativ wie auch quantitativ gewandelt. Was fehlt, sind die Personen der Vergangenheit, die aufgrund ihrer „typischen“ Rolle als Respektsperson mit Körpergewalt und Psychoterror ihre Dominanz unter Beweis stellten. An ihre Stelle trat die professionelle „Dominatrix“, die heute als Sinnbild der Dominanz gilt. In der Fantasie kann sie alles sein: Meist ist sie weiterhin eine Art Respektsperson, etwa eine Tante oder eine Krankenschwester, die zugleich streng und erotisch begehrenswert ist.

Neulich lasen wir einen Internet-Beitrag, der sich an Herren mit derartigen Interessen wendet (3):

Du sehnst dich nach einer strengen Lehrerin, die dich nach den Regeln der alten Schule konsequent unterrichtet? Und deine Geilheit hindert dich daran, ein braver und fügsamer Mensch zu sein? Dann ist die strenge Erziehung mit dem Rohstock genau das, was du brauchst! Als selbstbewusste Englischlehrerin weiß ich, was geile Böcke wie du brauchen: Respekt vor Frauen. Und den bekommst du von mit eingebläut, und zwar nachhaltig. Du kannst sicher sein, dass meine Methoden auch schwere Fälle von Lüstlingen zu Disziplin und Demut bringen.


(Der Artikel wurde sprachlich verändert, sodass keine Rückschlüsse auf den Urheber gefunden werden können).

Offenbar spukt der alte Geist immer noch in den Köpfen der Männer. Sie schämen sich ihrer Geilheit und hoffen, diese unter dem Rohrstock oder der Peitsche zu verlieren – wohl wissend, dass sie diese Maßnahmen nur noch mehr aufgeilen.

Indessen können wir beobachten, dass ein breites Spektrum unterschiedlicher Bedürfnisse dazu führt, die Lust an der Unterwerfung zu suchen, während die Lust an der Dominanz zumeist eine Fiktion ist. Die meisten der Frauen, die Dominanz als „Lifestyle“ angeben, wollen damit ihre Kunden ködern – denn in Wahrheit geht es nur darum, „Tribut“ zu fordern, also das Honorar für die Behandlung zu kassieren.

Die Motive der Herren - wirklich bekannt?

Sehr interessant wäre nun, die Motive der unterwürfigen Herren zu untersuchen, die sich abwerten, fesseln oder peitschen lassen, doch ist dies in der Vergangenheit literarisch fast niemals gelungen – und wissenschaftlich würde es ohnehin nicht wirklich transparent.

Behauptungen gibt es in Hülle und Fülle: Die Lust daran, ohne Verantwortung zu sein, das sinnliche Vergnügen, geschlagen zu werden, die Genugtuung, beschämt oder besudelt worden zu sein oder die Hoffnung, durch die Erniedrigung geläutert zu werden.

Und was es wirklich ist? Das können wir ja mal fragen – ob wir allerdings auf Antworten (auch aus der Literatur) hoffen dürfen? Wir haben nach wie vor einen hungrigen Briefkasten.

(1) aus einem französischen Roman.
(2) Aus "Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege", Wien 1927).
(3) (Das Zitat wurde sprachlich verändert, sodass keine Rückschlüsse auf den Urheber gefunden werden können).