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Die Keuschheit

Schamvolle nackte Schönheit nach Großvaters Lustempfinden
Nicht ist so gefährlich wie die Unkeuschheit. Denn wer unkeusch ist, hat kein Schamgefühl erworben und keinen bewussten Grundsatz entwickelt, sich schamhaft zu verhalten – und verstößt dabei willentlich gegen die Sittlichkeit. Wie böse doch der Unkeusche ist! Er erlaubt sich in „unerhörter“ Weise, nach seinen eigenen Regeln zu leben. Sexuell gesehen könnte man ihn am ehesten als wollüstig bezeichnen – wie bekannt eine Todsünde im Katholizismus. Denn: Die Keuschheit ist der Gegenpart zur Wollust.

Liest man das Online-Lexikon Wikipedia, dann biegen sich die Zehennägel über so viel Christentum. Meyers Lexikon war da wesentlich rigider: (1)

Keuschheit, als Tugend diejenige Gesinnungs-, Rede- und Handlungsweise, welche alles, was sich auf das Geschlechtsverhältnis bezieht, mit Scham und Scheu betrachtet.


Von wem wurde wirklich "Keuschheit" gefordert?

Wer musste denn nun nach den ältesten Quellen „keusch sein?“

Klarer Fall: Die Botschaft ging an Frauen, und zwar so gut wie ausschließlich an Ehefrauen und „Töchter“. (1)

„Zur absoluten Reinheit waren nur Frauen und Töchter verpflichtet. Dies beruhte schon darauf, dass sie Eigentum des Hausherrn waren und unter seiner Tutorschaft standen.


Das galt „vor Einführung des Christentums“, und es deckt sich auffällig mit dem Gutsherrn in den Büchern, die Christen als „Altes Testament“ bezeichnen. Dort ist klar definiert, dass es bei der Keuschheit lediglich darum geht, die Besitzrechte des Herrn zu wahren. Aber auf keinen Fall darum, den Herrn selbst zu Keuschheit zu verpflichten. Im Gegenteil: Seine Mägde, Sklavinnen und „alles, was sein ist“ waren weder zur Keuschheit verpflichtet noch genossen sie den Schutz vor Unkeuschheit. Wir erinnern uns zu jenen Zeiten wurden Töchter noch gegen Geld oder Arbeitsleistung verhökert – und schon deshalb wurde ihr Keuschheits-Gegenwert sehr hoch angesetzt. Für „eigene“ Mägde und Sklavinnen galt dies nicht. Übrigens waren auch „Fremde“, also Angehörige fremder Volksgruppen, von der Regel ausgenommen.

Zitat AT (nach Luther):

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.


(Der Nächste – je nach Interpretation - der Angehörige des gleichen Volkes, der Freie, der Gutsbesitzer).

Keuschheitsgebot - auch heute in fast allen Köpfen

Bis heute wirkt das „Keuschheitsgebot“ nach. Die meisten Menschen verfügen über kein Vokabular, mithilfe dessen sie sich über ihre Sinnlichkeit, Erotik oder Sexualität unterhalten können. Frauen werden gemaßregelt, wenn sie sich zu intim zur eigenen Sexualität äußern. Nicht selten werden sie als „Schlampen“ oder „Nutten“ beschimpft. Männer werden, vor allem neuerdings durch die „#Metoo“-Frauen, beschimpft und verunglimpft, wenn sie „unkeusch“ über Frauen denken. Man mag dafür jetzt neue Begriffe haben, aber in Wahrheit ist es die alte Leier: Wer ungefragt den Po oder die Brüste, die Lüste oder die Erotik einer Frau lobt, gilt als wollüstiger Strolch, und seine Sätze gelten als Übergriffe.

Dies alles mag seinen Sinn haben – aber es zeigt doch, wie überempfindlich wir sind, wenn die Keuschheit infrage gestellt wird.

Der frivole Umgang mit der Keuschheit wandelte sich völlig

Keuschheit: Karrikatur-Postkarte aus Frankreich
Wirft man einen Seitenblick auf die Frivolität der Keuschheit, so kommt man am „Keuschheitsgürtel“ nicht vorbei. Man kann in den letzten 25 – 50 Jahren Jahren hier eine klare Umkehrung des lüsternen Interesses feststellen. Waren es vor dieser Zeit vor allem Geschichten und reale Interessen an „weiblicher Keuschheit“, so hat sich dies inzwischen fast völlig zur „männlichen Keuschheit“ gewandelt. Das beginnt bei Interessengruppen, die sich nun (wenigstens vorgeblich) für die „Keuschhaltung des Mannes“ einsetzen und es hört noch lange nicht bei dem Verkauf entsprechender Produkte auf.

Fazit - Unkeuschheit ist im Geheimen selbstverständlich, öffentlich aber unerwünscht

Man kann sagen: Keuschheit, Zurückhaltung, Enthaltsamkeit und Selbstverleugnung sind nach wie vor Themen. Und paradoxerweise entwickeln immer mehr Frauen eine sexuelle Selbstbestimmung, die völlig „unkeusch“ ist, während von Männern immer mehr „keusche Zurückhaltung“ eingefordert wird. Und nach wie vor ist nicht "keusch", wer über seine intimen Bedürfnisse spricht.

(1) Retro-Lib.
(2) Brettschneider/Quanter, Leipzig ca, 1920)